{"id":234,"date":"2012-07-19T09:26:38","date_gmt":"2012-07-19T09:26:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hardturm.ch\/luz\/?p=234"},"modified":"2012-07-19T09:30:19","modified_gmt":"2012-07-19T09:30:19","slug":"nicht-finanzierbar-ist-immer-eine-ausrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/2012\/07\/nicht-finanzierbar-ist-immer-eine-ausrede\/","title":{"rendered":"&#8220;Nicht finanzierbar&#8221; ist immer eine Ausrede"},"content":{"rendered":"<p>Die ganze Kultur und Zivilisation der Menschheit hat nicht jemand finanziert, sondern sie wurde von eben dieser Menschheit aufgebaut.<\/p>\n<p>Ob das Ganze, so wie es heute ist, in Betrieb gehalten und gewartet werden kann, ist nicht urs\u00e4chlich davon abh\u00e4ngig, ob Geld daf\u00fcr fliessen kann, sondern ob die Menschen daf\u00fcr weiter arbeiten. Ebenso die Weiterentwicklung der Zivilisation.<\/p>\n<p>Wenn jemand etwas tut, dann wirkt es in dieser Welt. Finanziert oder nicht, ist keine Frage des &#8220;ob&#8221;, sondern nur eine des &#8220;wie&#8221;.<\/p>\n<p>Diese Leistung, Dinge und Strukturen zu erschaffen (\u00fcber die Natur hinaus) und zu unterhalten (gegen die Entropie), aber auch zu zerst\u00f6ren, kommt (neben der Energie &#8211; die Frage nach deren Quellen ist ein anderes Thema) aus der Arbeit der Menschen. Meine, Deine, unser aller t\u00e4gliche Arbeit in allen Formen. Bezahlte, unbezahlte, zu hause, an einer Arbeitsstelle, konstruktive, zerst\u00f6rerische.<\/p>\n<p>Mit Geld hat das nichts zu tun. Die wirkliche zentrale Frage heute ist nicht, ob das Finanzsystem zusammenbrechen wird. Sondern: Werden weiterhin andere Leute das tun, was ich selber nicht tun kann oder will, aber zum Leben brauche? (Lebensmittel anbauen z.B.)<\/p>\n<p>Diese Frage mit &#8220;ja, solange ich genug Geld habe, das zu bezahlen&#8221; zu beantworten, ist keine Antwort. In einer Zeit, wo das Geldsystem aus 90% Spekulation besteht, und wenn vielleicht nicht total zusammenbrechen, doch sicher grobe Ver\u00e4nderungen erfahren wird (und bereits hat),<strong> ist eine finanzielle Begr\u00fcndung immer eine Ausrede<\/strong>.<\/p>\n<p>Wer wirkliche Antworten will muss den Glauben ans Geld durchbrechen, und n\u00fcchtern sehen, dass die Geldsph\u00e4re zwar ein Machtinstrument ist, aber keineswegs eine Ursache in sich.<\/p>\n<p>Also geht es darum zu fragen, wer die Macht aus\u00fcbt, dass Dinge ge<em>macht <\/em>werden oder nicht.<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>Einmal ich selber &#8211; Wieweit bedingt mein Lebensstandard, dass andere Menschen mit Gewalt zu Arbeit gezwungen werden, die sie freiwillig nicht leisten w\u00fcrden? Das ist nicht einfach zu beantworten. Aber klar ist, dass uns westlichen Konsumb\u00fcrgern eine Menge Komfort zur Verf\u00fcgung steht, f\u00fcr den andere unter weniger komfortablen Bedingungen, bis hin zu m\u00f6rderischer Ausbeutung, arbeiten m\u00fcssen [1]. Weil wir mit einem laxen Konsumverhalten (haben wollen, aber nicht schauen wie&#8217;s zustande kommt) Verantwortung und Macht delegieren und uns dadurch selbst entm\u00fcndigen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Heikler ist die Umkehrfrage: Was leiste ich selber, das anderen Menschen wirklich das Leben komfortabler, sicherer, besser, sch\u00f6ner macht? Und dann: In welchem Verh\u00e4ltnis steht diese Leistung zu dem, was ich von anderen beziehe? Das ist keine einfache Frage, wenn ich mich nicht mit einer Geld-Ausrede aus der Verantwortung stehlen will (&#8220;meine Arbeit wird ja gut bezahlt, also gehe ich davon aus dass sie n\u00fctzlich ist&#8221;). Letztlich ist es die Sinnfrage &#8211; mache ich etwas Sinnvolles f\u00fcr die Weiterexistenz der Gesellschaft und ihrer Institutionen, die ich selber in Anspruch nehme, oder s\u00e4ge ich am Ast, auf dem ich sitze?<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>An sich ist es banal &#8211; es geht darum, sich laufend, mit jedem neuen Tag, die schwierige Sinnfrage zum eigenen Tun in der Welt zu stellen, und sich nicht schon auf der Geldebene zu einfachen Antworten verf\u00fchren lassen.<\/p>\n<p>Wenn ein Projekt &#8220;nicht finanzierbar&#8221; ist, heisst das letztlich nur: In diesem Moment sind nicht gen\u00fcgend Leute bereit, etwas f\u00fcr diese Sache zu tun oder zu geben. Das ist gewiss nicht einfacher zu \u00fcberwinden als ein leeres Konto. Aber zuerst an Geld zu denken, verstellt den Blick auf die Motivationen und Absichten der Beteiligten und Betroffenen, Freunde und Feinde. W\u00e4re unser Geldsystem gesund, die M\u00e4rkte funktionierend, dann w\u00fcrde die Geldlandschaft die Realit\u00e4t einigermassen abbilden. Aber im heutigen schwerkranken Geldsystem ist diese Abbildung so stark verzerrt, dass die eigentlichen realen Vorz\u00fcge und Probleme eines Vorhabens kaum mehr sichtbar sind vor lauter Finanzaspekten. So werden schwerst sch\u00e4dliche Sachen gemacht, nur weil sie finanziellen Profit abwerfen, und dringend Notwendiges wird nicht angepackt, weil es &#8220;nicht finanzierbar&#8221; ist.<\/p>\n<p>Das heutige Geldsystem sofort abschaffen k\u00f6nnen wir  nicht &#8211; aber wir k\u00f6nnen im Kopf die Geld\u00fcberlegungen aus dem Zentrum der Realit\u00e4tswahrnehmung verbannen, und in der Kategorie &#8220;nicht mehr zeitgem\u00e4sses, kaputtes Werkzeug, leider im Moment noch ohne Ersatz&#8221; abstufen. Sobald dem Geld die absolute Bedeutung in den K\u00f6pfen verloren geht, verliert es auch die absolute Macht in der Welt.<\/p>\n<p>Jeder pl\u00f6tzliche Zusammenbruch des Geldsystems w\u00e4re sehr schmerzhaft &#8211; dass danach alles besser k\u00e4me, ist eine gef\u00e4hrliche Illusion. Hingegen eine allm\u00e4hliche Erosion der Bedeutung dieses Irrsinnsgeldes in den t\u00e4glichen Gedanken der Einzelnen ist eine hoffnungsvolle Variante. Schwindet der Glaube, schwindet auch die Angst, und Kr\u00e4fte werden frei f\u00fcr die Arbeit an Alternativen.<\/p>\n<p>Das Geld wird dadurch nicht abgeschafft, aber zur\u00fcckgestuft dorthin, wo es n\u00fctzlich und in einer arbeitsteiligen Welt auch unverzichtbar ist &#8211; von einem Zweck an sich zu einem Mittel zum Zweck.<\/p>\n<p>Insofern hoffe ich auf eine Aufkl\u00e4rung 2.0 &#8211; in den K\u00f6pfen.<\/p>\n<p><em>[1] Das ganz detailliert f\u00fcr jedes Konsumprodukt herauszufinden ist schwierig, aber eine grobe Ahnung l\u00e4sst sich bei Vielem mit etwas Vergleichen der Arbeit (und nicht des Geldes!) schon finden: Ein Kleidungsst\u00fcck, das zu n\u00e4hen jemand einen halben Tag besch\u00e4ftigt, aber hier den Bruchteil eines hiesigen Stundenlohns kostet, beinhaltet Ausbeutung. Nicht notwendigerweise individuelle, aber auf jeden Fall volkswirtschaftliche. Meist aber beides.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ganze Kultur und Zivilisation der Menschheit hat nicht jemand finanziert, sondern sie wurde von eben dieser Menschheit aufgebaut. Ob das Ganze, so wie es heute ist, in Betrieb gehalten und gewartet werden kann, ist nicht urs\u00e4chlich davon abh\u00e4ngig, ob Geld daf\u00fcr fliessen kann, sondern ob die Menschen daf\u00fcr weiter arbeiten. 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