{"id":419,"date":"2021-05-08T10:42:40","date_gmt":"2021-05-08T10:42:40","guid":{"rendered":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/?p=419"},"modified":"2021-05-08T10:42:42","modified_gmt":"2021-05-08T10:42:42","slug":"ein-jahr-ein-rad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/2021\/05\/ein-jahr-ein-rad\/","title":{"rendered":"Ein Jahr Ein Rad"},"content":{"rendered":"<p><strong>Letzten Mittwoch vor einem Jahr brachte die Post mein Einrad <sup id=\"fnref1\"><a href=\"#fn1\" rel=\"footnote\">1<\/a><\/sup>. F\u00fcr mich begann etwas komplett Neues &#8211; ich hatte vorher nie auch nur ann\u00e4hernd \u00c4hnliches gekonnt oder versucht. Als \u00e4lterer Nerd ohne jede sportliche Ambition in den vergangenen 40 Jahren sage ich heute: Einrad fahren zu lernen war meine coolste Entdeckung seit langem! Vielleicht sogar: Einradfahren ist eine ideale Nerd-Sportart.<\/strong><\/p>\n<p>Angefangen hatte die Geschichte einige Wochen zuvor, an der letzten vor-pandemischen <em>Critical Mass<\/em> in Z\u00fcrich im Februar 2020. Da fuhr eine junge Frau so selbstverst\u00e4ndlich auf dem Einrad im Umzug mit, dass ich das erste Mal ein Einrad auch als potentielles Alltagsvehikel wahrgenommen habe, und nicht wie bislang nur als Akrobatik-Ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Der organisierte Schulsport in meiner Jugend hatte f\u00fcr nicht supersportliche Menschen ausser Dem\u00fctigung nicht viel zu bieten, und hat nachhaltig daf\u00fcr gesorgt, dass ich mich definitv als Bewegungs-Versager eingeordnet hatte. Allen Sport, inbesondere kompetitiver Art und in Gruppen, habe ich nach Schulende aktiv und bis heute gemieden. Ich habe gen\u00fcgend andere Interessen, um die Zeit rumzubringen (eben: Nerd), und mit Alltagsradfahren \u00fcber die Jahre doch halbwegs ausreichend Bewegung.<\/p>\n<p>Doch die Idee, ein so minimimales Fahrzeug (knapp 5kg) vielleicht dereinst im Alltag zu nutzen, hat mich nicht mehr losgelassen. Tats\u00e4chlich zu beschliessen, das zu auch zu tun, hat eine Weile gebraucht. Einerseits zur Auswahl eines passenden Einrads <sup id=\"fnref2\"><a href=\"#fn2\" rel=\"footnote\">2<\/a><\/sup>, aber im Besonderen auch musste ich mir erst konkret ausdenken, wie und wo ich das \u00fcberhaupt lernen kann. Da kam das Jugendsport-Trauma und der generelle Nerd-Mindset zusammen: In einen Kurs oder Club zu gehen (was sicher keine schlechte Idee w\u00e4re, wenn man da unbelastet ist) kam nicht in Frage. Hingegen die Challenge, das selber auszuknobeln, war reizvoll. Zumal in meinem Alter das Ganze sicher l\u00e4nger dauern w\u00fcrde, als bei Kindern und Jugendlichen &#8211; diese lernen die Basics offenbar in ein paar Wochen. F\u00fcr mich w\u00fcrde es Monate dauern, das war klar.<\/p>\n<p>Die einschl\u00e4gigen Howto-Seiten empfehlen erstes \u00dcben an einem Gel\u00e4nder. Aber wo gibts eines , das f\u00fcr die allerersten Versuche in Ruhe geeignet w\u00e4re? Die Frage hat mich ein paar Wochen aufgehalten, bis mir unser grosser Dachboden in den Sinn kam. Mit etwas (eh l\u00e4ngst f\u00e4lligem) Aufr\u00e4umen waren ein paar m2 freigelegt, und die dort gelagerten Matratzenstapel konnten als Puffer dienen. Eine 4m lange Holzlatte handtauglich geschliffen und am Geb\u00e4lk angeschraubt, und schon hatte ich mein Privatgel\u00e4nder.<\/p>\n<p>Es hat gute Dienste geleistet, um die ersten 2 Pedalumdrehungen zu \u00fcben. Das habe ich anfangs fast jeden Tag ein- oder zweimal je 10min gemacht.&nbsp;Kleinste Fortschritte machten schon grosse Freude, weil es zwar sehr zaghaftes, doch eindeutiges Betreten von Neuland war.<\/p>\n<p>Das Interessanteste an der ganzen Erfahrung, bis heute, ist aber die Beobachtung des eigenen Lernens. Gerade weil es mit einem \u00e4lteren, komplett gleichgewichts-untrainierten Hirn nur langsam geht &#8211; umso deutlicher sp\u00fcrte ich, <em>wie<\/em> das vor sich geht. Ganz speziell, dass es keineswegs linear l\u00e4uft. Erste Fortschritte reizen einem dazu, l\u00e4nger und mehr zu \u00fcben, um schneller vorw\u00e4rts zu kommen. Aber so funktioniert das nicht! Der eigentliche Fortschritt, eine Art <em>Einsickern<\/em> geschieht in den <em>Pausen<\/em>, und buchst\u00e4blich \u00fcber Nacht. Nat\u00fcrlich <em>wusste<\/em> ich das vorher, das kann man ja \u00fcberall lesen, aber so unmittelbar erfahren ist etwas ganz Anderes!<\/p>\n<p>Das Gleichgewicht ist logischerweise einer der Hauptgewinne vom Einradfahren. Anfangs lagen da meine gr\u00f6ssten Bedenken &#8211; so ungeschickt wie ich in Gleichgewichtssachen bisher war. Rollschuhe, Schlittschuhe, Skateboard, etc. &#8211; nichts davon gl\u00fcckte mir zu Schulzeiten einfach so, wie es anderen scheinbar gelang. Klar, ich hatte damals auch rein gar nichts investiert, um es vielleicht doch zu lernen. Aber w\u00fcrde es jetzt, 40 Jahre sp\u00e4ter, m\u00f6glich sein, <em>diese<\/em> nicht-triviale Gleichgewichtsaufgabe dennoch zu meistern? Nun, die Antwort lautet: ja! Es brauchte Zeit und Geduld, aber zu erleben, dass es tats\u00e4chlich geht, ist fantastisch! Und ist auch im Alltag deutlich sp\u00fcrbar &#8211; alles was mit Gleichgewicht zu tun hat, geht jetzt viel besser.<\/p>\n<p>Nach ca. zwei Monaten Dachboden traute ich mich dann im Juni erstmals raus. Nicht weit gibts eine Fussg\u00e4ngerbr\u00fccke mit durchgehendem, glattem Handlauf. Gegen Abend war es da ziemlich ruhig (u.a. weil 2020&#8230;) und ich konnte da alle paar Tage \u00fcben. Bald gabs kurze, gl\u00fcckliche Momente von &#8220;Fahren&#8221;, auch wenns anfangs nur einige freie Radumdrehungen waren &#8211; auf dem Dachboden war das noch nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das Einradfahren geht am Anfang furchtbar in die Beine, denn quasi <q>stehend<\/q>&nbsp;auf den Pedalen zu balancieren versuchen, statt richtig zu sitzen, ist offenbar naheliegend f\u00fcr Neulinge. Weit kommt man so aber nicht, es ist viel zu anstrengend. Und sobald die Beine auch nur ein wenig m\u00fcde werden, und die Bewegungen nicht mehr so pr\u00e4zise sind, ist es schnell aus mit Gleichgewicht halten. Erst viel sp\u00e4ter gelingt es, wirklich im Sattel zu sitzen und locker(er) zu treten.<\/p>\n<p>Ganz super am Einrad ist, dass es so ziemlich den ganzen K\u00f6rper fordert, insbesondere auch den Rumpf &#8211; je besser man&#8217;s kann, desto mehr h\u00e4lt man das Gleichgewicht damit und nicht mehr mit den Beinen. Das ist f\u00fcr einen mehrheitlichen Schreibtischt\u00e4ter eine sehr gute Abwechslung und tut rundum gut.<\/p>\n<p>Irgendwann im September schaffte ich dann ganze Br\u00fcckenl\u00e4ngen (~40m) ohne Hand am Gel\u00e4nder, im Oktober dann bereits das erstemal ins B\u00fcro (~3.5km), 50% zu Fuss, 50% Einrad in St\u00fccken von jeweils 100-200m, in den folgenden Wochen dasselbe noch ein paar mal, mit langsam wachsenden Einrad-Strecken.<\/p>\n<p>Wetter, Winter, Weihnacht haben dann etwas mehr und l\u00e4ngere Pausen gebracht, in denen ich das Einradfahren schon ziemlich vermisst habe.<\/p>\n<p>Aber nach dem grossen Schnee im Januar gabs dann wieder mehr Gelegenheiten wieder zu \u00fcben &#8211; nicht jedes Mal gings&#8217;s besser, l\u00e4nger, ruhiger &#8211; aber auch an schlechten Tagen gibts meist einen Moment, wo etwas gl\u00fcckt, was vorher nicht ging&#8230;<\/p>\n<p>Nun &#8211; der Stand nach einem Jahr: Es bleibt noch viel zu lernen! Ich kann jetzt zwar l\u00e4ngere Strecken fahren, auch leichte Steigungen und Gef\u00e4lle, aber viele kleine Hindernisse, Strassen\u00fcberg\u00e4nge, Randsteine kann ich &#8211; oder <em>wage<\/em> ich &#8211; noch nicht zu bezwingen. Von frei Aufsteigen, Pendeln etc. gar nicht zu sprechen. Es wird mir im Sommer nicht langweilig werden!<\/p>\n<p>Zum Thema <em>wagen<\/em>: Da bin ich sicherlich sehr auf der zaghaften Seite. Das hat ganz bestimmt den Lernfortschritt verlangsamt (es gab ein paar Momente, wo&#8217;s erst vorw\u00e4rts ging, als ich endlich ein <em>bisschen<\/em> forscher probierte). Aber &#8211; ich bin bisher kein einziges Mal gest\u00fcrzt! Das ist mir die Zeit wert, Zeit, in der ich statt schon losfahren zu k\u00f6nnen, halt vor allem lernte, abzuspringen. Langsam fahren ist schwieriger als schnell \u2013 wer sich aber letzteres nicht traut, lernt ersteres halt zuerst. So scheint es mir wenigstens. Es mag ein untypischer Weg sein, so vorsichtig ranzugehen &#8211; aber bis dahin (#aufHolzKlopf) hat das f\u00fcr mich gut funktioniert.<\/p>\n<p>Soweit das erste Jahr!<\/p>\n<p>Zum Schluss aus dem Logbuch hier noch die paar Dinge, die ich mir als Erkenntnisse notiert habe, vielleicht n\u00fctzts auch anderen:<\/p>\n<ul>\n\n<li>Sattel so bald als m\u00f6glich loslassen. Alles geht <em>wirklich<\/em> viel besser mit beiden H\u00e4nden frei!<\/li>\n\n<li>Beim Losfahren ist die erste <em>ganze<\/em> Umdrehung entscheidend. Ich machte lange den Fehler, die zweite Halbdrehung (anderer Fuss) weniger schnell und forsch wie den Losfahr-Tritt zu machen, und damit die Starts zu verpatzen.<\/li>\n\n<li>Ein Handlauf ist gut zum Starten, anfangs noch zum Entlanggleiten (wenn glatt genug!). Hingegen <em>ganz schlecht<\/em>: Handlauf (oder auch sonst irgendwas) nach ein paar freien Metern wieder zu fassen versuchen! Dabei war ich am n\u00e4chsten, mich zu verletzen. Stattdessen immer: weiterfahren oder fr\u00fchzeitig kontrolliert abspringen.<\/li>\n\n<li>Das Gewicht bewusst auf dem Sattel sp\u00fcren versuchen, immer wieder, sonst <q>steht<\/q> man schnell wieder auf den Pedalen und macht die Beine m\u00fcde.<\/li>\n\n<li>Zeit zum <q>Einsickern<\/q> lassen. In zwei Pausentagen <q>lernt<\/q> es sich oft besser als mit zweimal \u00dcben zu kurz hintereinander.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich hoffe, dass mein Bericht vielleicht auch andere ebenso untypische Kandidat*innen ermutigt, es mal mit nur einem Rad zu versuchen. Es lohnt sich!<\/p>\n<div class=\"footnotes\">\n\n<hr>\n\n<ol>\n    <li id=\"fn1\">Von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.einradshop.ch\" rel=\"noopener\">einradshop.ch<\/a>, wo es ausf\u00fchrliche und sehr hilfreiche Beratung per e-mail gab! Danke an Stefan Gauler!\u00a0<a href=\"#fnref1\" rev=\"footnote\">\u21a9<\/a><\/li>\n    <li id=\"fn2\">Dank Beratung von Stefan bin ich bei einem nicht ganz billigen, aber sehr soliden und sch\u00f6nen 24&#8243;-Rad gelandet, einem <em>GETitONE Ultimate Cruiser 24&#8243;<\/em>. Es wiegt nicht mal 5kg, und hat das erste Jahr tadellos \u00fcberstanden. Es hat sich auf jeden Fall f\u00fcr mich gelohnt, nicht an der Qualit\u00e4t zu sparen.\u00a0<a href=\"#fnref2\" rev=\"footnote\">\u21a9<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Mittwoch vor einem Jahr brachte die Post mein Einrad 1. F\u00fcr mich begann etwas komplett Neues &#8211; ich hatte vorher nie auch nur ann\u00e4hernd \u00c4hnliches gekonnt oder versucht. Als \u00e4lterer Nerd ohne jede sportliche Ambition in den vergangenen 40 Jahren sage ich heute: Einrad fahren zu lernen war meine coolste Entdeckung seit langem! 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