{"id":85,"date":"2010-11-30T14:46:56","date_gmt":"2010-11-30T14:46:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hardturm.ch\/luz\/?p=85"},"modified":"2011-06-06T13:04:02","modified_gmt":"2011-06-06T13:04:02","slug":"weit-hergeholt-der-appstore-und-das-grundeinkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/2010\/11\/weit-hergeholt-der-appstore-und-das-grundeinkommen\/","title":{"rendered":"Weit hergeholt? Der Appstore und das Grundeinkommen"},"content":{"rendered":"<p>In fast jeder Diskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) kommt die Frage auf, weshalb denn der Steuerzahler das finanzieren soll. (Was ist BGE? S. z.B. <a href=\"http:\/\/www.initiative-grundeinkommen.ch\/content\/home\/\">hier<\/a> oder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bedingungsloses_Grundeinkommen\">hier<\/a>)<\/p>\n<p>Wer sich mal die Finanzierungsmodelle angeschaut hat, weiss, dass bei einem BGE nicht mehr umverteilt w\u00fcrde, sondern vor allem auf eine andere Weise.\nAber was bringt diese &#8220;andere&#8221; Weise (die Bedingungslosigkeit) denen, die heute kein Grundeinkommen brauchen? Diese fragen sich, weshalb sie Steuern zahlen sollen und einfach hoffen, dass die Menschen damit via BGE Sinnvolles tun, anstatt auf der Kontrolle, also den bedingten Sozialleistungen, zu bestehen.<\/p>\n<p>Das ist eine sehr zentrale Frage, deren Beantwortung aber im Theoretischen sich  nur aus dem Menschenbild der Antwortenden ergeben kann. Ob der Mensch sozial oder doch rein eigenn\u00fctzig sei, dar\u00fcber l\u00e4sst sich trefflich und endlos streiten.<\/p>\n<p>Umso \u00fcberraschender ist es, ein Grundprinzip des BGE, n\u00e4mlich die Leistung nicht im Nachhinein zu entsch\u00e4digen, sondern durch einen Vorschuss zu erm\u00f6glichen, an einem ganz unerwarteten Ort eingenistet zu entdecken.<\/p>\n<p>Dieser Ort ist der AppStore, der on-line Laden f\u00fcr Zusatzprogramme (Apps) f\u00fcr das iPhone und das iPad. Dort ist in den zweieinhalb Jahren seit Er\u00f6ffnung im Sommer 2008 eine neue Art von Software-Markt entstanden, den es vorher nicht gab. Zuvor kosteten Programme dieser Art, wie sie auf einem Mobiltelefon laufen, mehrere dutzend Geldeinheiten. Der AppStore hat aber mit einer (willk\u00fcrlichen) Vorgabe gestartet, dass eine App nicht mal ein Zehntel davon kosten sollte, also meist weniger als eine Tasse Kaffee.<\/p>\n<p>Die Freude beim Publikum war gross, und einige Apps liefen deshalb dermassen gut, dass die Hersteller auch mit dem Spottpreis so richtig reich wurden. Das sind die Goldgr\u00e4bergeschichten, die durch die Medien breit gefeiert wurden.<\/p>\n<p>Der Aufwand aber, eine App zu schreiben, ist nicht kleiner als fr\u00fcher. Deshalb setzte bei den Entwicklern bald Katzenjammer ein. Wie soll man von den Spottpreisen leben k\u00f6nnen, wenn man nicht einen Top-Hit landet? Das war der Tenor der Diskussion vor ca. einem Jahr.<\/p>\n<p>Diese Frage ist nat\u00fcrlich nicht vom Tisch. Es ist die Frage danach, wer denn jetzt die 90% bekommt, um die der Durchschnittspreis gesunken ist. Nur wer 10 mal mehr verkauft als fr\u00fcher, hat gleichviel wie damals. Und, warum sollte das, ausser bei einzelnen Gl\u00fccklichen, der Fall sein?<\/p>\n<p>Eine Antwort: Weil sich das Verhalten der Kunden ge\u00e4ndert hat. Fr\u00fcher (und heute noch beim klassischen Softwareverkauf) haben diese 10 kostenlose Demoversionen ausprobiert, und schliesslich diejenige, die am Besten gefiel, f\u00fcr z.B. 20 Geldeinheiten gekauft. Alle anderen hatten zwar Aufwand mit dem potentiellen Kunden, gingen aber leer aus. Im AppStore hingegen werden f\u00fcr eine Aufgabenstellung viel eher einfach einige App-Varianten f\u00fcr je ein, zwei Geldeinheiten gekauft. Eine davon ist dann schon die richtige. Die total ausgegebene Summe ist pro Kunde und Aufgabenstellung etwa dieselbe.<\/p>\n<p>Man kann dieses lockere App-Kaufen nun bloss als weiter angeheiztes Konsumverhalten mit neuen Mitteln sehen. Ich glaube aber, da spielt sich etwas ab, das sich im Kontext des Grundeinkommens n\u00e4her zu betrachten lohnt. Denn das lockere Kaufen, das sich hier zeigt, weicht die klassische 1:1-Forderung nach direkter Gegenleistung f\u00fcr jede Geldausgabe auf.<\/p>\n<p>Ich zahle mehrmals einen geringen Beitrag f\u00fcrs Ausprobieren, streue quasi Geld aus, ohne im Vornherein zu <em>wissen<\/em>, ob ich das gesuchte Ergebnis wirklich bekomme. Aber im Vertrauen, dass im Schnitt schon jemand die gew\u00fcnschte Gegenleistung erbringen wird, und eine App liefert, die mein Bed\u00fcrfnis erf\u00fcllt. Dass ich dabei 9 anderen, die mein Bed\u00fcrfnis <em>nicht<\/em> erf\u00fcllt haben, <em>auch<\/em> Geld gegeben habe, vielleicht sogar jemandem, der wirklich lausige Arbeit gemacht hat, st\u00f6rt nicht oder kaum. Soweit: nichts verloren \u2013 ich komme immer noch auf meine Kosten.<\/p>\n<p>Was aber habe ich gewonnen? Die Entlastung vom Kontrollaufwand! Keine Angst mehr, vielleicht das Falsche schmerzhaft teuer zu kaufen. Die konkrete Erfahrung, dass im Schnitt, trotz Betr\u00fcgern, Blendern und Schmarotzern, ein brauchbares Return on Investment herausschaut. Und ich lerne mehr Produkte kennen \u2013 auch wenn sie f\u00fcr mich nichts taugen, so erfahre ich etwas dar\u00fcber, was anderen gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Nun, an sich ist die Erkenntnis recht trivial. Risikokapitalgeber arbeiteten schon immer so. 10 Versuche, 9 in den Sand gesetzt, doch einer gelingt und bringt mehr.<\/p>\n<p>Dass sich dieses Verhalten in einem hochkompetitiven Markt f\u00fcr Endkunden, denen man in letzter Zeit kaum mehr als &#8220;Geiz ist geil&#8221; zugetraut hat, herausbildet, finde ich jedoch interessant.<\/p>\n<p>Und noch mehr die Anschlussfrage: was hat denn dazu gef\u00fchrt? Meiner Meinung nach im Wesentlichen ein einziger Parameter \u2013 die willk\u00fcrliche Herabsetzung der Preise auf einen Zehntel. Oder anders herum betrachtet: die Tatsache, dass den Kunden <em>potentiell<\/em> die 10-fache Kaufkraft einfach mal gegeben wurde, ohne Bedingung. Das hat aber <em>nicht<\/em> dazu gef\u00fchrt, dass einfach 90% des Umsatzes in diesem Markt wegbrach, obwohl man das rechnerisch durchaus h\u00e4tte bef\u00fcrchten k\u00f6nnen (und auch hat).<\/p>\n<p>Massiv verringert hat sich nur die <em>Abh\u00e4ngigkeit<\/em> des einzelnen Kunden vom einzelnen Anbieter. Nicht aber die Bereitschaft der Kundschaft als Ganzes, der Anbieterschaft als Ganzes genug Geld zukommen zu lassen. Und auch nicht der Anteil dessen, was der Einzelne von seinem (klassisch durch eigene Leistung verdienten!) Einkommen daf\u00fcr einsetzt.<\/p>\n<p>Ich will diese Beobachtung nun nicht als &#8220;Beweis&#8221; ins Feld f\u00fchren, dass ein Grundeinkommen funktionieren wird. Aber ich m\u00f6chte dazu anregen, mit den Behauptungen und Bef\u00fcrchtungen auch in scheinbar weit entfernten Kontexten wie diesem intensiv zu <em>spielen<\/em>.<\/p>\n<p>Zum Beispiel weiterzuspinnen, und anhand der zwei verschiedenen Kontexte auch mal zu versuchen, die Befriedigung durch Konsum etwas zu sezieren. Worin liegt dort die Befriedigung? Worin der Betrug, die Sucht? K\u00f6nnte es etwa die (vermeintliche) Unabh\u00e4ngigkeit, die Selbstst\u00e4ndigkeit des Kaufentscheids sein, die so attraktiv ist? Und wenn, k\u00f6nnte es gesellschaftlich nicht effizienter und ges\u00fcnder sein, diese Unabh\u00e4ngigkeit tats\u00e4chlich zu gew\u00e4hren, anstatt sie nur durch immer raffiniertere Taktiken vorzusch\u00fctzen, gleichzeitig aber Entm\u00fcndigung voranzutreiben?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In fast jeder Diskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) kommt die Frage auf, weshalb denn der Steuerzahler das finanzieren soll. (Was ist BGE? S. z.B. hier oder hier) Wer sich mal die Finanzierungsmodelle angeschaut hat, weiss, dass bei einem BGE nicht mehr umverteilt w\u00fcrde, sondern vor allem auf eine andere Weise. Aber was bringt diese &#8220;andere&#8221; &hellip; <a href=\"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/2010\/11\/weit-hergeholt-der-appstore-und-das-grundeinkommen\/\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Weit hergeholt? Der Appstore und das Grundeinkommen<\/span><\/a><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[5],"class_list":["post-85","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutsch","tag-apple"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":139,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions\/139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hardturm.ch\/luz\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}