“Nicht finanzierbar” ist immer eine Ausrede

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Die ganze Kultur und Zivilisation der Menschheit hat nicht jemand finanziert, sondern sie wurde von eben dieser Menschheit aufgebaut.

Ob das Ganze, so wie es heute ist, in Betrieb gehalten und gewartet werden kann, ist nicht ursächlich davon abhängig, ob Geld dafür fliessen kann, sondern ob die Menschen dafür weiter arbeiten. Ebenso die Weiterentwicklung der Zivilisation.

Wenn jemand etwas tut, dann wirkt es in dieser Welt. Finanziert oder nicht, ist keine Frage des "ob", sondern nur eine des "wie".

Diese Leistung, Dinge und Strukturen zu erschaffen (über die Natur hinaus) und zu unterhalten (gegen die Entropie), aber auch zu zerstören, kommt (neben der Energie - die Frage nach deren Quellen ist ein anderes Thema) aus der Arbeit der Menschen. Meine, Deine, unser aller tägliche Arbeit in allen Formen. Bezahlte, unbezahlte, zu hause, an einer Arbeitsstelle, konstruktive, zerstörerische.

Mit Geld hat das nichts zu tun. Die wirkliche zentrale Frage heute ist nicht, ob das Finanzsystem zusammenbrechen wird. Sondern: Werden weiterhin andere Leute das tun, was ich selber nicht tun kann oder will, aber zum Leben brauche? (Lebensmittel anbauen z.B.)

Diese Frage mit "ja, solange ich genug Geld habe, das zu bezahlen" zu beantworten, ist keine Antwort. In einer Zeit, wo das Geldsystem aus 90% Spekulation besteht, und wenn vielleicht nicht total zusammenbrechen, doch sicher grobe Veränderungen erfahren wird (und bereits hat), ist eine finanzielle Begründung immer eine Ausrede.

Wer wirkliche Antworten will muss den Glauben ans Geld durchbrechen, und nüchtern sehen, dass die Geldsphäre zwar ein Machtinstrument ist, aber keineswegs eine Ursache in sich.

Also geht es darum zu fragen, wer die Macht ausübt, dass Dinge gemacht werden oder nicht.

1. Einmal ich selber - Wieweit bedingt mein Lebensstandard, dass andere Menschen mit Gewalt zu Arbeit gezwungen werden, die sie freiwillig nicht leisten würden? Das ist nicht einfach zu beantworten. Aber klar ist, dass uns westlichen Konsumbürgern eine Menge Komfort zur Verfügung steht, für den andere unter weniger komfortablen Bedingungen, bis hin zu mörderischer Ausbeutung, arbeiten müssen [1]. Weil wir mit einem laxen Konsumverhalten (haben wollen, aber nicht schauen wie's zustande kommt) Verantwortung und Macht delegieren und uns dadurch selbst entmündigen.

2. Heikler ist die Umkehrfrage: Was leiste ich selber, das anderen Menschen wirklich das Leben komfortabler, sicherer, besser, schöner macht? Und dann: In welchem Verhältnis steht diese Leistung zu dem, was ich von anderen beziehe? Das ist keine einfache Frage, wenn ich mich nicht mit einer Geld-Ausrede aus der Verantwortung stehlen will ("meine Arbeit wird ja gut bezahlt, also gehe ich davon aus dass sie nützlich ist"). Letztlich ist es die Sinnfrage - mache ich etwas Sinnvolles für die Weiterexistenz der Gesellschaft und ihrer Institutionen, die ich selber in Anspruch nehme, oder säge ich am Ast, auf dem ich sitze?

An sich ist es banal - es geht darum, sich laufend, mit jedem neuen Tag, die schwierige Sinnfrage zum eigenen Tun in der Welt zu stellen, und sich nicht schon auf der Geldebene zu einfachen Antworten verführen lassen.

Wenn ein Projekt "nicht finanzierbar" ist, heisst das letztlich nur: In diesem Moment sind nicht genügend Leute bereit, etwas für diese Sache zu tun oder zu geben. Das ist gewiss nicht einfacher zu überwinden als ein leeres Konto. Aber zuerst an Geld zu denken, verstellt den Blick auf die Motivationen und Absichten der Beteiligten und Betroffenen, Freunde und Feinde. Wäre unser Geldsystem gesund, die Märkte funktionierend, dann würde die Geldlandschaft die Realität einigermassen abbilden. Aber im heutigen schwerkranken Geldsystem ist diese Abbildung so stark verzerrt, dass die eigentlichen realen Vorzüge und Probleme eines Vorhabens kaum mehr sichtbar sind vor lauter Finanzaspekten. So werden schwerst schädliche Sachen gemacht, nur weil sie finanziellen Profit abwerfen, und dringend Notwendiges wird nicht angepackt, weil es "nicht finanzierbar" ist.

Das heutige Geldsystem sofort abschaffen können wir nicht - aber wir können im Kopf die Geldüberlegungen aus dem Zentrum der Realitätswahrnehmung verbannen, und in der Kategorie "nicht mehr zeitgemässes, kaputtes Werkzeug, leider im Moment noch ohne Ersatz" abstufen. Sobald dem Geld die absolute Bedeutung in den Köpfen verloren geht, verliert es auch die absolute Macht in der Welt.

Jeder plötzliche Zusammenbruch des Geldsystems wäre sehr schmerzhaft - dass danach alles besser käme, ist eine gefährliche Illusion. Hingegen eine allmähliche Erosion der Bedeutung dieses Irrsinnsgeldes in den täglichen Gedanken der Einzelnen ist eine hoffnungsvolle Variante. Schwindet der Glaube, schwindet auch die Angst, und Kräfte werden frei für die Arbeit an Alternativen.

Das Geld wird dadurch nicht abgeschafft, aber zurückgestuft dorthin, wo es nützlich und in einer arbeitsteiligen Welt auch unverzichtbar ist - von einem Zweck an sich zu einem Mittel zum Zweck.

Insofern hoffe ich auf eine Aufklärung 2.0 - in den Köpfen.

[1] Das ganz detailliert für jedes Konsumprodukt herauszufinden ist schwierig, aber eine grobe Ahnung lässt sich bei Vielem mit etwas Vergleichen der Arbeit (und nicht des Geldes!) schon finden: Ein Kleidungsstück, das zu nähen jemand einen halben Tag beschäftigt, aber hier den Bruchteil eines hiesigen Stundenlohns kostet, beinhaltet Ausbeutung. Nicht notwendigerweise individuelle, aber auf jeden Fall volkswirtschaftliche. Meist aber beides.

 

Die Statistik des Einzelfalls

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Immer wieder einmal begegnet mir folgende Denksportaufgabe (bekannt als das "Ziegenrätsel", "Ziegenproblem" oder "Monty-Hall-Problem"):

In einem Fernsehquiz gibt es drei gleiche Türen. Hinter zweien hat es eine Ziege, hinter einer ein Auto (oder sagen wir besser: einen erstrebenswerten Hauptgewinn. Nicht alle wollen ein Auto haben).

Als Kandidat darf ich erst mal eine Tür auswählen. Daraufhin öffnet der Quizmaster eine andere Tür, hinter der in jedem Fall eine Ziege ist. Nun darf ich entscheiden, ob ich bei der ursprünglichen Wahl bleibe oder mich für die andere noch geschlossene Tür entscheide.

Die Frage ist nun: Wie soll ich mich entscheiden?

Als Lösung der Aufgabe wird dann jeweils die statistisch richtige Antwort präsentiert und hergeleitet, z.B. hier. Diese ist für Uneingeweihte überraschend (die Gewinnwahrscheinlichkeit ist beim Wechsel doppelt so hoch, also soll man die Tür wechseln) und durchaus ein faszinierendes Beispiel für die Fallstricke bei bedingten Wahrscheinlichkeiten.

Dennoch sage ich - die präsentierte Lösung ist falsch. Die richtige Lösung lautet: Es ist egal, was die Statistik sagt - ich muss meine Wahl selber treffen.

Warum? So wie die Aufgabe präsentiert wird, handelt es sich für mich um einen Einzelfall. Ich werde kein zweitesmal Kandidat in diesem Quiz sein können, die Chance zu gewinnen ist einmalig. Und damit wird die Statistik gänzlich irrelevant. Auch wenn die Statistik eine tausendfache Chance für die eine Tür beweisen würde - das eine Mal wo ich im Leben bei diesem Quiz Kandidat bin kann es genausogut die andere Tür sein. Ich muss also frei entscheiden. Die Statistik hilft mir nichts.

Ich finde diese Erkenntnis fundamental. Erst wenn sich eine Situation viele Male wiederholt, wird Statistik nützlich. Wer aber für einmalige Entscheidungen sich der Statistik unterordnet, verschenkt seine Freiheit. Es ist eine schreckliche Täuschung, zu glauben, eine statistikkonforme Entscheidung sei vernünftig - und sich dadurch vielleicht davon abbringen zu lassen, einer inneren Überzeugung zu folgen.